Sexarbeit oder Prostitution? Der Machtkampf um Deutung und Einfluss

Im Schweizer Rotlichtmilieu prallen zwei Deutungen frontal aufeinander: Links-feministische Beratungsstellen pochen auf Selbstbestimmung und Rechte von Sexarbeitenden, während evangelikale und bürgerliche Kreise stärker auf Ausstieg, Rettung und ein Sexkaufverbot setzen. Dazwischen stehen Frauen, um deren Schutz und Stimme beide Seiten erbittert ringen.

Lustmap Redaktion
12:04
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Wer sich mit Organisationen beschäftigt, die Frauen im Rotlichtmilieu begleiten, trifft rasch auf einen tiefen ideologischen Graben. Auf der einen Seite stehen links-feministische Fachstellen wie FIZ Zürich, Xenia Bern oder Aspasie Genf, die im Netzwerk Procore zusammengeschlossen sind. Auf der anderen Seite engagieren sich evangelikale Gruppen, freikirchliche Vereine und bürgerlich geprägte Institutionen. Beide Seiten betonen, sie wollten die Lebensbedingungen von Frauen verbessern, die in Bordellen, auf dem Strich oder in Salons arbeiten. Doch schon bei der Sprache beginnt der Konflikt: Während die einen bewusst von «Sexarbeit» sprechen und damit den Aspekt der Selbstbestimmung betonen, verwenden die anderen konsequent den Begriff «Prostitution», der stärker mit Ausbeutung, Zwang und moralischer Problematik verbunden ist. Hinter dieser Wortwahl stehen zwei gegensätzliche Weltbilder. Linke Beratungsstellen sind überzeugt, dass viele Frauen in diesem Bereich zwar unter schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen arbeiten, deswegen aber nicht automatisch als passive Opfer behandelt werden dürfen. Evangelikale und konservative Kreise hingegen sehen im Sexgewerbe häufiger ein System, das Frauen erniedrigt, Menschenhandel begünstigt und echte Freiwilligkeit nur in Ausnahmefällen zulässt. Entsprechend heftig ist der Streit darüber, wer den Frauen tatsächlich gerecht wird und wer sie mit der eigenen Haltung eher bevormundet.
 

Wenn Hilfe zur Grenzüberschreitung wird

Wie scharf die Fronten mittlerweile verlaufen, zeigen Erzählungen über missglückte oder problematische Ausstiegshilfen. So wird etwa von einer Frau berichtet, die die Prostitution verlassen wollte und von einer freikirchlich-evangelikalen Organisation in einem Frauenhaus untergebracht wurde. Dort soll ihr ein Reinigungsjob in Aussicht gestellt worden sein, allerdings erst nach einem sechsmonatigen Praktikum mit sehr geringer Entschädigung. Zugleich habe ihre Vorgesetzte ihre Ausweispapiere einbehalten und von ihr verlangt, Christin zu werden. Erst mit juristischer Unterstützung habe die Frau Pass und Identitätskarte zurückerhalten und die Organisation verlassen können. Solche Fälle lassen sich von aussen kaum überprüfen, weil aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes weder Namen der Betroffenen noch der betroffenen Vereine genannt werden. Dennoch zirkulieren diese Geschichten in linken Kreisen häufig und nähren dort das Misstrauen gegenüber religiösen Hilfsangeboten. Kritikerinnen sprechen von Abhängigkeit, Kontrolle und Missionierung unter dem Deckmantel sozialer Unterstützung. Evangelikale Organisationen weisen solche Vorwürfe entschieden zurück. Sie halten dagegen, dass sie im Milieu viel praktische Arbeit leisteten, nahe bei den Frauen seien und konkrete Alternativen zum Bordellalltag aufbauten. Gerade Ausstiegsprogramme sind dabei zu einem zentralen Feld der Auseinandersetzung geworden, weil sich hier besonders deutlich zeigt, ob Hilfe ergebnisoffen geschieht oder ob eine bestimmte moralische Vorstellung den Weg vorgibt.
 

Glaube als Ressource – oder als Druckmittel?

In vielen Schweizer Städten sind christlich geprägte Vereine inzwischen sichtbar präsent. Die Heilsarmee ist mit ihrer Fachstelle Rahab in Bern, Zürich und Basel aktiv, dazu kommen Organisationen wie Parparim in Thun, From my heart to yours in Biel, Anora in Winterthur oder Heartwings in Zürich. Immer wieder wird ihnen vorgeworfen, sie nutzten die Milieuarbeit auch dazu, den Glauben zu verbreiten. Als Beleg dienen etwa ältere Unterlagen, mit denen Freiwillige für einen Einsatz unter Prostituierten gewonnen werden sollten und in denen von der Weitergabe der Liebe Gottes die Rede war. Betroffene Organisationen betonen heute, ihre Arbeit sei professionalisiert worden, missionarischer Eifer habe darin keinen Platz. Gleichzeitig verschweigen sie nicht, dass der Glaube für viele Mitarbeitende eine Motivation darstellt und auch für manche Frauen selbst eine wichtige Rolle spielt. Gerade Migrantinnen aus Südamerika, Osteuropa oder Nigeria seien oft religiös geprägt; in Bordellen werde nicht selten christliche Musik gespielt, und Bibeln lägen offen sichtbar auf. Vertreterinnen christlicher Organisationen sagen deshalb, Gebet könne eine legitime Form von Anteilnahme sein, sofern es auf Wunsch der Frauen geschehe. Genau hier beginnt jedoch der nächste Streitpunkt. Linke Streetworkerinnen und Beraterinnen halten spirituelle Angebote in diesem Umfeld für heikel, weil Frauen dadurch zusätzlich Scham und Schuld empfinden könnten. Wenn eine Sexarbeiterin nach einem Gebet ihre Tätigkeit stärker als Sünde wahrnehme, könne das psychischen Druck erzeugen statt Entlastung. So prallen auch beim Thema Religion zwei Sichtweisen aufeinander: Für die einen ist Spiritualität ein möglicher Halt in einer belastenden Lebenslage, für die anderen droht sie zur subtilen Grenzüberschreitung zu werden.
 

Der politische Konflikt um das Sexkaufverbot

Die Spannungen zwischen beiden Lagern beschränken sich längst nicht mehr auf die direkte Arbeit mit Frauen im Milieu, sondern haben eine deutlich politische Dimension. Besonders sichtbar wird das beim Streit um das sogenannte nordische Modell, das den Kauf sexueller Dienstleistungen verbieten und Freier sowie Zuhälter bestrafen will, während die Prostituierten selbst nicht kriminalisiert werden sollen. Befürwortet wird dieses Modell unter anderem von freikirchlichen Kreisen, der Frauenzentrale Zürich, der EVP und konservativen Feministinnen wie Alice Schwarzer. Ihr Argument lautet, Prostitution verletze Menschenrechte, verfestige Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und mache Länder für Menschenhandel attraktiver. Ein Sexkaufverbot würde aus ihrer Sicht die Nachfrage senken und damit langfristig auch das System schwächen. Linke Organisationen und viele Sexarbeiterinnen widersprechen vehement. Sie warnen davor, dass Prostitution durch ein Verbot nicht verschwinde, sondern tiefer in die Illegalität gedrängt werde. Das erhöhe die Unsicherheit, erschwere den Zugang zu Beratung und Gesundheitsschutz und stärke die Abhängigkeit von Dritten. Wie emotional diese Auseinandersetzung geführt wird, zeigte sich an einem Auftritt des schwedischen Polizisten Simon Häggström in Zürich. Er stellte auf Einladung der Frauenzentrale sein Buch über Prostitution vor und warb für das Sexkaufverbot. Vor dem Anlass demonstrierten Sexarbeiterinnen lautstark gegen die Veranstaltung, weil sie sich erneut zum Objekt einer Debatte gemacht sahen, in der andere über sie sprechen, statt mit ihnen. Procore stellte sich hinter den Protest. Die Reaktionen darauf machten deutlich, wie wenig Bereitschaft zur Annäherung auf beiden Seiten noch vorhanden ist.
 

Streit um Zahlen, Wirkung und Glaubwürdigkeit

Zusätzliche Schärfe erhielt die Debatte durch den Versuch, die Arbeit der verschiedenen Organisationen über Zahlen und Reichweite zu bewerten. So wurde medial darauf hingewiesen, dass die FIZ im Jahr 2024 vergleichsweise wenige Beratungen durchgeführt habe, während Heartwings in den ersten Monaten des gleichen Jahres bereits deutlich höhere Zahlen ausgewiesen habe. Dazu kam der Hinweis, dass Mitarbeitende von Heartwings regelmässig Bordelle aufsuchten, während linke Fachstellen dazu weniger offensiv kommunizierten. Die Botschaft solcher Vergleiche ist klar: Wer direkt im Milieu präsent ist, erscheint als praxisnah und glaubwürdig, während die Gegenseite schnell als theoretisch oder weltfremd dargestellt wird. Linke Organisationen wehren sich gegen dieses Bild und verweisen darauf, dass ihre Arbeit oft weniger spektakulär, aber langfristig angelegt sei. Beratung zur beruflichen Neuorientierung, Hilfe bei Bewerbungen, Begleitung im Kontakt mit Behörden oder stabile psychosoziale Unterstützung seien kein kurzfristiges Rettungsprojekt, sondern meist ein langer, komplexer Prozess. Auch bei den Erfolgen von Ausstiegshilfen zeigt sich ein ernüchterndes Bild. Selbst christliche Organisationen, die stark auf den Ausstieg setzen, berichten nur von einer begrenzten Zahl tatsächlich gelungener Fälle. Gemessen an den geschätzten 2000 bis 4000 Frauen, die allein in Zürich in der Prostitution tätig sein dürften, sind die Zahlen klein. Das wirft die Frage auf, ob der politische und mediale Streit nicht oft grösser ist als die tatsächliche Reichweite der Angebote. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, wie schwierig nachhaltige Veränderungen in diesem Bereich sind. Wer aussteigen will, braucht meist mehr als guten Willen: sichere Unterkunft, Einkommen, Aufenthaltsrecht, psychische Stabilität und ein soziales Netz.
 

Zwischen Moral, Professionalität und offener Zukunft

Genau an diesem Punkt kulminiert der Grundkonflikt. Vertreterinnen aus dem linken Lager werfen einzelnen freikirchlichen Akteuren vor, Ausstieg nicht als offenen Prozess zu verstehen, sondern als moralisch gebotenen Weg, auf dem Rückschläge nur schwer akzeptiert würden. Frauen, die in die Prostitution zurückkehrten, würden teils mit Schuld konfrontiert oder aus Programmen gedrängt, lautet der Vorwurf. Christliche Organisationen wie Rahab widersprechen und sagen, man begleite Frauen, Männer und Transmenschen auch dann weiter, wenn sie in der Prostitution blieben oder nach einem Ausstiegsversuch zurückkehrten. Entscheidend sei gerade, Menschen nicht fallen zu lassen. Doch selbst dort, wo solche Beteuerungen ernst gemeint sind, bleibt die grundsätzliche Frage bestehen: Kann in einem derart moralisch aufgeladenen Feld überhaupt jemand völlig neutral handeln? Wahrscheinlich nicht. Genau deshalb sagen manche Fachpersonen, Professionalität bestehe nicht in Wertfreiheit, sondern in der ständigen Reflexion der eigenen Haltung. Wer mit Frauen im Rotlichtmilieu arbeitet, muss sich fragen, ob er ihre Entscheidungen respektiert oder sie in eine Richtung lenken will, die aus der eigenen Ideologie, Religion oder politischen Überzeugung folgt. Politisch dürfte das Sexkaufverbot in der Schweiz vorerst dennoch chancenlos bleiben. Ein entsprechender Vorstoss der EVP scheiterte im Parlament deutlich. Ganz verschwinden wird das Thema aber nicht. Forderungen nach mehr Verantwortung für Freier und Bordellbetreiber, nach besseren Angeboten für die berufliche Neuorientierung und nach stärkerem Schutz vor Ausbeutung werden die Debatte weiter prägen.