Landesmuseum zeigt Sexarbeit aus Sicht der Betroffenen

Eine Videoinstallation im Landesmuseum Zürich gibt Menschen in der legalen Sexarbeit eine Stimme. 15 Organisationen verlangen eine stärkere Fokussierung auf Zwang, Gewalt und Menschenhandel. Damit droht die Debatte erneut, vielfältige und selbstbestimmte Lebensrealitäten auf die problematischen Seiten des Gewerbes zu reduzieren, obwohl diese keine Gesamtschau ersetzen.

Lustmap Redaktion
14:00
Landesmuseum Zürich
   © Roland zh (Wikimedia Commons)
Landesmuseum Zürich
Elf Frauen und Männer erscheinen nacheinander auf einer Betonwand im Landesmuseum Zürich. In Videoporträts erzählen sie von ihrem Leben und ihrer Tätigkeit in der Sexarbeit. Eine von ihnen ist die 36-jährige Tessa. Sie berichtet, vor sechs Jahren wegen Schulden und des Drucks durch das Betreibungsamt eingestiegen zu sein.

Tessa habe in Clubs und auf dem Strassenstrich gearbeitet, verschiedene Erfahrungen gesammelt und sei heute selbstständig. Ihre Geschichte ist eine von elf, welche die Installation «Sexarbeit – Erfahrungen Schweiz» versammelt. Die Porträtierten sprechen über finanzielle Engpässe, Migration, Verantwortung für Angehörige und den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben.

Das Format erhebt keinen Anspruch darauf, die ganze Prostitution in der Schweiz zu erklären. Genau darin liegt aber seine Stärke: Nicht Politikerinnen, Polizei oder Aktivistinnen reden über Sexarbeitende, sondern die Betroffenen sprechen selbst.
 

Kritik richtet sich gegen den Begriff Sexarbeit

15 Organisationen, darunter die Frauenzentralen von Zürich, Zug und Glarus, haben sich mit einem Schreiben an das Landesmuseum gewandt. Sie stören sich unter anderem an der Bezeichnung «Sexarbeit». Der Begriff sei eine inhaltliche Positionierung, weil er Prostitution als Arbeit einordne.

Tatsächlich ist diese Einordnung Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Sie aus einer Ausstellung auszublenden, würde jedoch ebenfalls eine Position darstellen. Wer Sexarbeit ausschliesslich über Zwang, Gewalt und Ausbeutung definiert, lässt jene Menschen ausser Acht, die ihre Tätigkeit als Arbeit verstehen und für bessere rechtliche sowie soziale Bedingungen kämpfen.

Die Kritikerinnen fordern, dass Themen wie Menschenhandel, Missbrauch und Gewalt stärker berücksichtigt werden. Diese Verbrechen sind ernst und müssen konsequent verfolgt werden. Sie dürfen aber nicht dazu dienen, die gesamte legale Sexarbeit unter Generalverdacht zu stellen.
 

Menschenhandel bekämpfen, Selbstbestimmung respektieren

Nana Mallet von End Demand Switzerland sagt, die Ausstellung solle nicht gestoppt, aber ergänzt werden. Die Organisation engagiert sich gegen Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung und gegen Prostitution. Sie fordert insbesondere Stimmen von Frauen, die sich als Überlebende der Prostitution verstehen, sowie Einschätzungen von Polizei und Strafverfolgung.

Solche Perspektiven können eine Diskussion bereichern. Problematisch wird es dort, wo sie als einzig zulässige Sicht auf Sexarbeit dargestellt werden. Die Lebensrealität von Menschen, die freiwillig sexuelle Dienstleistungen anbieten, wird dadurch erneut an den Rand gedrängt.

Eine liberale Haltung zur Sexarbeit bedeutet nicht, Gewalt oder Menschenhandel kleinzureden. Im Gegenteil: Wer zwischen einvernehmlicher, legaler Sexarbeit und krimineller Ausbeutung unterscheidet, kann Opfer gezielter schützen. Pauschale Gleichsetzungen erschweren dagegen eine sachliche Debatte und können dazu führen, dass Sexarbeitende weniger Rechte, weniger Sicherheit und weniger gesellschaftliche Anerkennung erhalten.
 

Museum setzt auf Debatte und weitere Perspektiven

Das Landesmuseum verweist darauf, dass «Erfahrungen Schweiz» bewusst persönliche Erlebnisse dokumentiert. Sprecher Alexander Rechsteiner erklärt, keine einzelne Ausstellung könne ein Thema in seiner gesamten Breite darstellen. Im Mittelpunkt des Formats stünden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, welche ihre Lebens- und Arbeitswelt aus eigener Sicht schildern.

Der Titel sei gewählt worden, weil sich die interviewten Personen selbst als Sexarbeitende bezeichnen. Das ist ein nachvollziehbarer Entscheid: Eine Institution, die Betroffene porträtiert, sollte deren Selbstbezeichnung respektieren, statt ihnen eine fremde Sprache überzustülpen.

Das Museum will die Rückmeldungen der Organisationen aufnehmen und plant Begleitveranstaltungen, bei denen zusätzliche Perspektiven Platz finden sollen. Die elf Videos bleiben aber bis zum 1. November 2026 unverändert zu sehen. Das ist richtig: Ihre Aussagen sind nicht weniger wert, nur weil sie nicht in ein Bild passen, das Sexarbeit ausschliesslich als Ausdruck von Gewalt und Zwang versteht.

Quelle: https://www.landesmuseum.ch/sexarbeit