SRF-DOK und die Debatte: Freier bestrafen oder Rechte stärken?

Der SRF-DOK-Beitrag zeigt die Spannweite der Sexarbeit in der Schweiz: zwischen Selbstbestimmung, Ökonomie und Zwang. Stimmen wie Tessa, Ruby, Chanel machen sichtbar, warum eine liberale Regulierung Schutz, Gesundheit und Rechte verbessert - und wie gezielte Bekämpfung von Ausbeutung gelingt, ohne das Gewerbe in den Untergrund zu drängen.

Lustmap Redaktion
5. 2. 2026
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Die SRF-DOK begleitet Tessa, Ruby, Chanel und Graziella und spannt den Bogen von selbstbestimmter Sexarbeit bis zu erlebter Ausbeutung. Sichtbar wird: Wo Sexarbeit legal, reguliert und sichtbar ist, lassen sich Schutz, Gesundheit und Rechte stärken – und Ausbeutung gezielt bekämpfen. Die Schweiz gehört seit 1942 zu den liberalsten Ländern: Prostitution ist legal, Abgaben und Steuern sind Teil des Berufs. Schätzungen sprechen von rund 20'000 Sexarbeitenden, mehrheitlich Migrantinnen; jeder fünfte Mann kauft mindestens einmal im Jahr Sex. Ein liberaler Rahmen schafft Anlaufstellen, Standards und Kontrolle – Instrumente, die im Verborgenen fehlen.
 

Alltag, Intimität und Regeln

Tessa wechselte aus einem Tieflohnjob in die Sexarbeit, baute Schulden ab und wurde finanziell unabhängig. Sie beschreibt respektvolle Begegnungen, Menschlichkeit und tiefe Momente der Intimität – für sie hat die Arbeit mitunter einen therapeutischen Charakter. Auch Ruby Rebelde erlebt mit vielen langjährigen Kunden Beziehungen auf Zeit: Vertrautheit ohne die Verpflichtungen einer Partnerschaft. Aus Kundensicht bestätigt Franco, 50, der regelmässig seine Lieblingsfrau im Bordell besucht, diesen Rahmen: Nähe ja, aber unverbindlich – klare Regeln geben beiden Seiten Sicherheit. Genau hier wirkt Regulierung konkret: Mindeststandards in Betrieben, transparente Preise, Hausregeln zu Kondomen, Zugang zu Gesundheitsdiensten und Beratung in mehreren Sprachen stärken die Verhandlungsmacht von Sexarbeitenden. Mona, ehemalige Bordellbetreiberin des Club Eden in Schlieren, macht klar, dass Gesundheit nicht verhandelbar ist: Kondome sind Pflicht. Das Frauenambulatorium in Zürich behandelt dennoch viele Infektionen nach ungeschütztem Verkehr. Problematisch ist Stealthing – das heimliche Entfernen des Kondoms –, eine Straftat, die selten angezeigt wird, weil Scham und Angst vor Kundenverlust gross sind. Ein offener, nicht-kriminalisierender Rahmen erleichtert Aufklärung, anonyme Meldungen, niederschwellige medizinische Hilfe und konsequente Sanktionierung von Übergriffen.
 

Ausbeutung sichtbar machen, gezielt bekämpfen

Graziellas Geschichte zeigt die Schattenseite: Ihr damaliger Freund, ein Loverboy, gaukelte Liebe vor, zwang sie zur Prostitution und kassierte die Einnahmen – ein klarer Fall von Menschenhandel. In der Schweiz angekommen, wurde sie erneut ausgenutzt: nicht angemeldet, zu unerwünschten Services gedrängt, mit überhöhten Abgaben belastet. Die Antwort darauf kann nicht Verdrängung sein, sondern Präsenz des Staates dort, wo gearbeitet wird: häufige, nicht-stigmatisierende Kontrollen; klare Haftung der Betreiber; sichere, mehrsprachige Meldesysteme; Zeuginnen- und Opferschutz; schnelle Aufenthaltsregelungen für Betroffene; harte Strafen gegen Täter. Liberal bedeutet hier nicht laissez-faire, sondern gezielte Repression gegen Ausbeutung bei gleichzeitiger Stärkung legaler, selbstbestimmter Arbeit. So lassen sich Grauzonen verkleinern, in denen Zwang gedeiht.
 

Politik: Gegen Verbote, für Rechte, Wahlfreiheit und Ausstieg

Die Debatte um das Nordische Modell – Sex anbieten erlaubt, Sexkauf strafbar – wird auch in der Schweiz immer wieder von gewissen politischen Kreisen angefeuert. Tessa, Ruby und viele Organisationen warnen: Kriminalisierung drängt das Gewerbe in den Untergrund, schwächt Kontrolle, erhöht Abhängigkeiten und gesundheitliche Risiken. Der Nationalrat lehnte 2022 eine Einführung mit deutlicher Mehrheit ab. Gleichwohl arbeiten die feministische Frauenzentrale Zürich und Frauen der früheren Christlichdemokratische Volkspartei, jetzt die Mitte-Partei an der Vision einer Gesellschaft ohne Prostitution – mit dem Ziel der Gleichstellung. Der liberale Gegenentwurf fokussiert auf Rechte statt Verbote: Rechtssicherheit, erschwinglichen Wohnraum, Zugang zu Sozialversicherungen, einfache Registrierung, Aufenthalts- und Arbeitswege für Migrantinnen, gut finanzierte Gesundheitsangebote, Schutzkonzepte in Betrieben und Schulungen für Polizei und Behörden. Ausstieg bleibt Teil dieser Freiheit: Graziella ist mit 23 Jahren ausgestiegen, will eine Handelsschule besuchen und engagiert sich als Aktivistin; unterstützt vom christlichen Verein Heartwings, der mit einer Reinigungsfirma neue Perspektiven bietet. Kritik an möglichen neuen Abhängigkeiten nimmt der liberale Ansatz ernst – mit freiwilliger, transparenter Hilfe statt nötigendem Rettungsnarrativ. Im Kern steht Wahlfreiheit: bleiben, wechseln oder aussteigen – abgesichert durch Rechte, Beratung und Perspektiven. So nimmt die Gesellschaft ihre Verantwortung wahr, ohne jene zu gefährden, die heute von klaren Regeln, Sichtbarkeit und Schutz leben.